Charme der Schallplatte

Plattenspieler mit CharmeOhne Zweifel hat ihr Charme der Schallplatte „das Leben gerettet“. Für Musikliebhaber fließt auch das Handling in den Entscheidungsprozess für die Schallplatte mit ein, auch wenn es nicht bewusst geschieht: Der Hörer kann die Platte erst einmal in seiner Hand halten und so sucht man einen Song erst einmal, nachdem man die Platte aufgelegt hat.

Hinzu kommt das Sehen können, wie die Nadel die Platte abspielt. Die konstanten, ruhigen Bewegungen dabei wirken beruhigend und so hat man auch etwas Harmonisches zu sehen.

Lebensstil

Für die Anhänger der Vinyl Platte steht es außer Frage: Es ist auch ein gewisser Lebensstil, der über sie verkörpert wird. Erstaunlich ist, dass sowohl für heute als auch für damals geltend, eine ganz bestimmte Schicht der Gesellschaft, oder sagen wir eine Gruppe, Vinyl auflegt.

Plattenspieler waren damals keine Massenprodukte und deshalb auch nicht sehr günstig zu erwerben. Anders sieht es auch nicht aus, wenn wir uns heute die Instrumente anschauen, deren sich DJ s bedienen. Es handelt sich bei deren Plattenspielern um absolut ausgebaute, hochwertige Exemplare. So betrachtet ist es immer eine bestimmte Personengruppe, die Zugang zu Vinyl haben möchte.

Objekt der Abgrenzung

Betrachten wir uns den Schnitt durch die Gesellschaft, sehen wir auf der einen Seite die Anhänger der Vinyl Platte, auf der anderen Seite die Anhänger der digitalen Tonaufzeichnung auf digitalen Tonträgern. Das heißt, dass der Plattenspieler das Objekt darstellt, mit dem die Abgrenzung zu anderen Lebensstilen vollzogen wird.

Im Laufe des Lebens kristallisiert sich ein bestimmter Musikgeschmack von uns allen heraus und es ist davon auszugehen, dass die Wahrnehmung dessen über mindestens zwei Faktoren erfolgt. Wir haben einmal das Hören und zum anderen das Anfassen. Beim Herunterladen am PC auf unsere immer kleiner werdenden MP3 Player fehlt uns nach diesem Denkkonzept die Verkörperung des Tonträgers, die wir von der Vinyl Platte kennen. Dies spielt wahrscheinlich die größte Rolle.

Der Knopf im Ohr

Die Musik immer und überall durch den Knopf im Ohr aus dem Hintergrund mitlaufen zu lassen entspricht ebenso einem Lebensstil. Musik fließt fast pausenlos nebenbei ins Ohr. Und wenn man sich morgens unterwegs zur Arbeit oder überhaupt mal umschaut, ist es eine breite Masse, die die Musik auf solche Art und Weise hört. Auch hier ist deutlich eine Abgrenzung vorhanden. So wie es Menschen gibt, die sich niemals mehr von ihrem Plattenspieler trennen würden, gibt es eben auch die Menschen, die niemals freiwillig auf ihren Knopf im Ohr verzichten würden.

Musik genießen

Davon kann wohl bei den an zweiter Stelle beschriebenen Mitgliedern der Gesellschaft kaum die Rede sein. Eher dient die Musik in diesem Fall auch noch ganz gut dazu, die Alltagsgeräusche und den Lärm zu übertönen. Wenn Sie sich jetzt noch zum Vergleich mal den Konsument an seinem Plattenspieler im Wohnzimmer vorstellen, der sich eine Platte auflegt, wird leicht ersichtlich, wer seine Musik wirklich genießt.

Zeitmangel

Aber hat der Mensch heute wirklich noch die Zeit in Ruhe einfach nur Musik zu hören und sich dabei ein Plattencover zu betrachten? Notorischer Zeitmangel hat eben auch genau dieses Bild zur Folge. Der Mensch von heute ist viel mehr unterwegs, verbringt viel weniger Zeit zu Hause und steht ohnehin immer irgendwie unter Druck. Würde heute nur zu Hause am Plattenspieler Musik konsumiert werden können, wie würde sich das wohl auf die Musikindustrie kommerziell auswirken? Nicht auszudenken. Da grenzen sich auch heute Schichten und Gruppen der Gesellschaft ab.

Genussmenschen

Die einen sind die ununterbrochen Konsumierenden. Dabei geht selbstredend etwas verloren, verschwindet ganz oder rückt zumindest sehr in den Hintergrund. Das scheinbar nicht mehr eintretende Gefühl der vorübergehenden Sättigung hängt mit dem Konsumieren zusammen, das nicht mehr richtig wahrgenommen wird.

Bleiben wir noch ein Wenig bei dem Thema der Abgrenzung der Schichten oder Gruppen der Gesellschaft und gehen noch mal auf die Fragestellung ein, welche Schicht denn über die Möglichkeiten verfügt, sich für das Musik hören die Zeit und Ruhe zu nehmen. Bitte versuchen Sie sich solch einen Menschen gerade vorzustellen. Ja, dieser Mensch hat genügend Raum für sich zur Verfügung, ebenso genügend Zeit. Er genießt es je nach seiner momentanen Stimmung die geeignete Platte auszusuchen, zu greifen, aufzulegen und zu hören. Er würde sich sein Gehör nicht mit gesundheitliche Grenzwerte überschreitenden „Geräuschen“ beschädigen.

Musik und der gestresste Teil der Gesellschaft

Für die meisten hört sich das jetzt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit so an, als müsse man doch gar nicht lange überlegen, zu welcher der beiden Seiten man zählen möchte. Die meisten Menschen, die einen Teil unserer heutigen Gesellschaft darstellen, verfügen über weitaus weniger Zeit und Raum als sie sich wünschen würden.

Ganz drastisch ausgedrückt hat ein Plattenspieler auch in einer fünf köpfigen Familie, die am Existenzminimum lebt, nicht gerade den Haushalt erwischt, in dem er erwünscht sein wird. Der eine oder andere hätte, wenn er mobil keine Musik konsumieren könnte, vielleicht ebenso wenig sein Bedarfspensum gedeckt, weil er dann gar nicht mehr dazu käme, seinen Plattenspieler zu bedienen.

Wir sind heute mit Aktivitäten außerhalb unseres Wohnbereichs so überschüttet, dass wir schon seit Jahren über von Stress bedingten Krankheitsbildern sprechen. Und dann ist der Ratgeber nicht mehr fern, der uns von Entspannungsübungen erzählt. Ein Wenig erinnert uns das an die Hetzerei zu Arbeit, schnelle Fahrt, das Auto schnell in die Garage, ab in den Aufzug schnell an den Schreibtisch setzen. Und nach der Arbeit nicht die Treppen benutzen können, weil keine Zeit, also in den Aufzug steigen, wenige Schritte bis zum Auto gehen und schnell ins Fitness Center fahren, damit wir uns bewegen. Aber das sind Spiegelbilder unserer Zeit.